Ich bin nicht gut im Abschiednehmen

Wenn die Kinder älter werden und sich verpaaren, gewinnt man als Eltern neue Kinder dazu. Die Schwiegerkinder – Schwiegertöchter und Schwiegersöhne. Ist das Herz offen, dann mag man diese wirklich gern und nach einer Weile gehören sie zur Familie. Das ist eine grosse Bereicherung.

Durch meine zwei Söhne wurden junge Frauen zu meinen temporären Töchtern. Denn, wen mein Sohn liebt, mag ich auch – so mein Credo. Bisher hat das so gut funktioniert in meinem Familienleben, obwohl ich selber schon andere Erfahrungen gemacht habe. Gerade darum liegt es mir am Herzen, dass „Neuzuzüger“ in der Familie einen herzlichen und akzeptierenden Empfang bekommen.

Die neue Tochter kommt mit dem Sohn, sei es zur Weihnachtsfeier oder zum vierzehntäglichen Nachtessen, mit. Oft ist sie es, die noch ein wenig bleiben und quatschen möchten, wenn der Junge schon unruhig wird, immer wieder auf die Uhr sieht und langsam aber sicher aufbrechen will. Manchmal fragen mich die jungen Frauen um Rat oder erzählen mir von ihren Sorgen. Manchmal kann ich ihnen ein wenig Mutter sein, manchmal lächeln wir uns wissend zu und schütteln leicht den Kopf über die Macken des Sohnes, manchmal verstehen wir uns einfach, vereint in Liebe um dieses junge Mannwunder oder im Rätseln wie er das jetzt wohl wieder meint oder warum er so selbstbewusst sein Ding durchzieht ohne zu zweifeln, wie wir das in unseren weiblichen „wie mach ich’s allen recht“-Schlaufen tun.

Ich geniesse dieses Glück weiterhin am Leben meiner Söhne teilzuhaben, auch durch und mit ihren Partnerinnen. Sie werden Familienmitglieder und ich baue eine Beziehung auf. Ich will, dass sich alle in meinem Haus und bei mir wohl und zuhause fühlen, wie lange auch immer es dauert. 

In den jungen Zwanzigern sind Beziehungen aber nicht immer für das ganze Leben und werden wieder aufgelöst. Zum Glück sind noch nicht so viele junge Frauen durch meine Familie gezogen. Schwer wird mir das Loslassen allemal, denn ich habe jeweils keinen Trennungsvorlauf, keine Zeit mich darauf einzustellen, dass die „Schwiegertöchter“ gehen, keine Zeit des Abschiednehmens. Heisst, ich hatte ja keinen Streit, keine Beziehungsprobleme, keine negativen Gefühle. Natürlich solidarisiere ich mich naturgemäss mit meinem Kind, meinem Sohn, aber ich habe mich zu diesem Zeitpunkt auch schon in die junge Frau eingefühlt. Ich kenne auch ihre Wünsche, eben auch die unerfüllten. Ob sie verstanden haben, dass auch meine schönen Söhne (Mutterstolz!) keine Prinzen sind, die sie auf einem stolzen Schimmel abholen und durchs Leben verwöhnen? Ob sie schon wissen, dass es im Leben nicht darum geht jemanden zu finden, der einem glücklich macht, sondern jemanden mit dem man es schafft, zusammen glücklich zu sein und dass es dafür dringend erforderlich ist, sich selber für sein Glück zuständig zu fühlen? Ich musste fünfundvierzig werden um das endlich zu kapieren!

Meine zwei Prinzen reiten keine Schimmel und haben noch andere Interessen als nur ihre Freundinnen glücklich zu machen. Sie sind jung und unerfahren in Liebesdingen. Sie können sicher gut für sich selber schauen und sind auch alleine glücklich. Wie sie kommunizieren und wie sie lieben weiss ich nicht, denn ich bin ja nicht dabei und bei unseren vierzehntäglichen Essen wälzen wir meistens keine Beziehungsprobleme, ausser es ist gerade eine in die Brüche gegangen.

Wenn es dann aus ist, muss ich mich ziemlich schnell drein schicken. Ich kann mich vielleicht nicht mal verabschieden. Jemand, der zwei, drei Jahre in meinen Gedanken und Gefühlen integriert war, ist plötzlich weg. Ein kleiner Tod. Ich sollte keine Trauer zeigen, keine Enttäuschung, denn mit mir hat das gar nichts zu tun. Ich tröste meinen Sohn, berate ihn, nehme ihn in meine Arme und hoffe, dass ich ein Ort der Zuflucht bin und der Liebe, die ihn nie verlässt, was auch immer er tut.

Trotzdem kommt es vor, dass ich meine temporäre Tochter vermisse, weil sie so herzlich war, so intelligent, warm, hübsch, kommunikativ, so eigenständig, vielleicht auch, weil sie mich an mich erinnerte und doch viel mehr Selbstbewusstsein hatte um ihren Weg zu gehen. Und eine, die war meiner speziellen Tochter eine Freundin und ist dann allerdings plötzlich von einem Tag auf den anderen verschwunden. Und es kam eine andere nette junge Frau daher. Sie ist anders, aber liebenswert und tut meinem Sohn gut. Ich habe sie wieder mit offenen Armen empfangen und es scheint, als fühle sie sich wohl in unserer Familie. Trotzdem hängt der Schatten ihrer Vorgängerin noch manchmal über uns und ich nenne aus Versehen deren Namen und schäme mit dann. Aber ich kann Menschen nicht in mein Herz schliessen und sie dann eines Tages daraus entfernen wie ein ausrangiertes Kleidungsstück. Vielleicht wird mal eine kommen, die ich nicht besonders mag – wer weiss. Ich hoffe nicht, dass genau die dann bleibt.

Einer meiner Söhne ist momentan Single. Er lässt sich Zeit und er wird genau prüfen mit wem er sich verbindet. Eigentlich kann ich meinen Jungs und ihrem Urteilsvermögen trauen und wie schon anfangs gesagt, wen sie lieben, mag ich erfahrungsgemäss auch.

Ich bin nur nicht gut im Abschiednehmen.

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