Stress – oder ein kleiner Beitrag zum Weltfrieden?

Morgens, viertel vor Acht. Ich bin eben aufgewacht und ich stelle mir, wie jeden Morgen die Frage ob ich jetzt ein Versager bin. Zu spät dran! Bei der momentanen Wallungsdichte und meinem durch die Nacht beissenden Nesselfieberausschlag könnte ich sicher ein paar Boni einholen, aber lieber geb ich’s mir dicke. Kein Pardon! Wenn ich täglich in irgendein Büro zur Arbeit müsste, wäre mein „Verschlafen“ schlichtweg nicht tolerierbar. Ja „wenn“!

Ich lasse sie ausser Acht, die netteren, wohlwollenderen Argumente. Mein Leistungsausweiss scheint mir unbefriedigend.
„Haben Sie Stress?“ haben mich sowohl  Hautarzt wie die zwei Naturheilpraktiker gefragt, die mich mit bedauerndem Blick untersucht haben. „Aber nein! Jedenfalls nicht so existentiell wie ‚drohender Jobverlust und drei kleine Kinder zu ernähren'“. Das hatte ich auch schon, darum weiss ich schon wovon ich rede. Nur vielleicht: „Jetzt mach mal endlich vorwärts. Sei endlich die erfolgreiche, gut verdienende, produktive, überaus kreative, gut vernetzte Frau! Du hast doch Zeit genug dafür!“ Das sollte doch kein Ding sein: früher aufstehen, gut organisieren und produzieren.
Es klappt nicht! Warum? Kreative Prozesse spuhlen sich nicht immer schnell und linear ab, so im zeitgemässen Erfolgstakt. Alles braucht seine Zeit? Gut Ding will Weile haben? … und ich krieg Stress, anstatt dass ich liebevoll meine Arbeitsschritte begleite, staunend die kreativen Prozesse wertschätze und am Ende auch zufrieden bin mit dem Geleisteten und den kleinen Zeichen der Anerkennung, die sich ja doch schon ab und an einstellen. Selber schuld!?
Auf jeden Fall! – Auch das noch! – Denn wir wissen ja, dass wir für unsere Erlebnisnetzwerke, die Gestaltung unserer Wirklichkeit immer selber verantwortlich sind. Somit bleibt auch der Stress, wie auch immer ich ihn bewerten will, ob berechtigt oder nicht, Stress und ist selbstgemacht. Kein Problem, dann mach ich mir jetzt einfach keinen mehr und alles ist paletti. Ich programmier mich schnell um und: Der Ausschlag weg, die Nacht ruhig geschlafen, früh aufstehen und arbeiten, arbeiten….. und dann hab ich mein Soll erfüllt und kann zufrieden sein mit mir. Pffff – ich spür Druck!
Wenn es so einfach wär, gäb’s keine Therapeuten, keine Coaches, kein Entspannungsmeditation, es gäbe keine Burnouts und vielleicht sogar keinen Krieg auf dieser Welt. Unsere eingeschliffenen, unwillkürlich erlernten Erfahrungsmuster, lassen sich nicht so einfach auf Abstellgleise verfrachten und schon gar nicht einfach auslöschen. Schliesslich haben sie uns lange genug gedient. Irgend einen Sinn müssen sie ja gehabt haben. Vor irgendetwas sollten sie uns schützen und bewahren – damals in grauer Vorzeit. Vielleicht könnten wir sie freundlich bitten, sich langsam von uns wegzubewegen und sie humpeln dann am Stöckchen aufs Altenteil. Wir brauchen Zeit fürs Umlernen – schnell, schnell gibt’s nicht. Solche Prozesse sind nicht von heut auf morgen abgeschlossen. Nichts für ungeduldige Frühaufsteher.

Darum bin ich jetzt mal sehr nett und liebevoll mit mir, wertschätze das, was schon ist und erlaube mir für heute, das zu tun, was ich am liebsten mache, nämlich schreiben und an meinem Buch zu arbeiten. Eigentlich stünde das sowieso auf dem Programm! Und heute will ich es mir sogar verzeihen, dass das Buch noch nicht veröffentlicht und zum Bestseller geworden ist. Alles zu seiner Zeit! Kein Stress! Kratz, kratz, kratz…….

Ein kleiner Beitrag zum Weltfrieden?