Träume in ereignislosen Zeiten

Ereignislose Zeit, wettergrau und landschaftsnass. Komisch, dass Mensch unruhig wird, wenn’s endlich ruhig ist.

Doch mein Unbewusstes belohnt meine Geduld neuerdings mit fantastischen Träumen, die mich des nachts unterhalten und mir auch noch den folgenden Tag zu verzaubern wissen. Sind es die Hormone, die ein paar meiner abgespeicherten Eindrücke neu verknüpfen und mir endlich auf die zweite Lebenshälfte hin den Zugang zum inneren Zaubergarten öffnen? Wer weiss es. Ich brauche hierfür keine Antwort zu finden. Ich will nicht deuten, nur staunen:

Neptun

In meinen Träumen bin ich immer viel jünger. 

In diesem bin ich noch sehr jung, höchstens dreissig. Darum scheint mir plötzlich der Altersunterschied zu diesem Mann, an dessen Seite ich liege zu gross. Wir ruhen auf einer Liege, einer weissen Chaiselongue, bestückt mit vielen Kissen. Alles ist hell, weiss, auch wir sind weiss angezogen, wie Ärzte oder Pflegepersonal. Die Liege steht an einem grossen Fenster und gewährt uns einen freien weiten Blick auf den Strand. Wir befinden uns in einem Haus, das praktisch nur aus Fenstern besteht mit ein wenig weissgetünchtem Holz rundherum, ein Strandhaus. Das Meer und die Weite des Horizonts dehnen sich aus bis in dieses Wohnzimmer, in dem ich liege mit diesem Mann, an den ich mich schmiege.

Weit unten am Strand ist ein Tumult. Das Geschrei dringt bis zu uns hoch. Ich beobachte Eingeborene in Kriegsbemalung, die eigentlich nicht an diesen Ort passen, was mir aber in diesem Moment nicht bewusst ist. Zu sehr bin ich eingenommen von den Geschehnissen und meiner Angst. Die Halbnackten, nur mit Lendenschurz bekleideten Wilden in Kriegsbemalung stürzen sich mit fürchterlichem Geschrei auf Strandspaziergänger, auf einfach alles Menschliche, dessen sie habhaft werden können auf diesem grossen Strandabschnitt. Sie töten die panisch schreienden, um sich schlagenden Menschen mit ihren Speeren oder schlagen auf sie ein, machen sie nieder, fesseln und knebeln sie und tun ganz schreckliche Dinge mit ihnen. Sie stecken Menschenkörper auf Spiesse, auch Kinder oder klemmen sie auf riesige Metallroste, und dann grillieren sie sie über einem riesigen Feuer, begleitet von rituellen Gesängen. Schrecklich! 

Ich habe panische Angst, dass sie uns entdecken könnten, wie wir da liegen und starren aus diesem riesigen Fenster hinaus, so sichtbar und durchlässig. Für einen kurzen Moment nur zermartere ich mir mein Gehirn wie ich den bevorstehenden Qualen entrinnen könnte, denn ich bin sicher, dass die Wilden uns entdecken werden und dass es für diese Menschen, diese Unmenschen kein Halten gibt, keinen Willen zu verhandeln, zu argumentieren. Zu gross ist ihre Wut, ja das sieht man, sie sind sehr wütend auf uns, auf die Zivilisation.

Doch plötzlich ist alles still. Wie durch Zauberhand sind die Unholde und ihr Gemetzel verschwunden. Der Strand liegt leer und weit da, als wäre nie etwas geschehen, das mich das Fürchten lehrte. 

Der Mann an meiner Seite neigt seinen Kopf und schaut auf mich hinunter, die ich mich immer noch ängstlich und schutzsuchend an ihn schmiege. Etwas Beruhigendes, Beschützendes geht von ihm aus. Ich bin so erleichtert!

Er hat graues Haar und sein silberner Bart ist gepflegt. Er ist eine stilvolle, attraktive Erscheinung, gesund, sonnengebräunt strahlt Ruhe, Güte und Wärme aus. Ich fühle mich wohl und beschützt. Mir ist bewusst, dass jetzt womöglich etwas folgen wird, wobei wir unterbrochen worden sind. Ich fühle mich schuldig. Ich habe es begonnen und will es plötzlich nicht mehr.  Ich bin noch so jung. Er ist schon so alt. Und da ist noch etwas anderes – jemand anderes? Ich bin nicht verliebt in diesen Mann. Ich habe mich geirrt. Ich möchte gehen, weiss, dass ich mich erklären sollte und will weder verletzen, noch seinen Zorn entfachen. Ich bin noch zu sehr verängstigt und auch voller Schamgefühle. 

Als habe er meine Gedanken gelesen, fasst er mich mit der Hand am Ellenbogen um mich dazu zu bewegen aufzustehen. Doch es ist kein Aufstehen, denn die Bewegung verläuft fliessend, so leicht als ob wir flögen. Schon stehen wir aufrecht nebeneinander und er hält mich noch immer am linken Ellenbogen während er seinen anderen Arm um mich legt. Ich bin nicht ängstlich, obwohl wir leicht über Boden schweben. Ich bin schwerelos. Plötzlich fliesst von allen Seiten und durch alle Ritzen Wasser in den Raum. Es ist ganz sauber, farblos als käme es aus dem Wasserhahn, rein und durchsichtig. Das Wasser türmt sich den Wänden empor hoch und schlägt an der Deck zusammen und droht auf unsere Köpfe zu klatschen. Ich halte die Luft an und schliesse die Augen. Werden wir jetzt ertrinken?

„Atme einfach weiter und hab’ keine Angst“ sagt der Mann. Die Wogen glätten sich nicht, das Wasser türmt sich weiter über und neben uns auf, lautlos und durchscheinend, während wir in einem begrenzten Luftraum schweben, wie in einer Blase – einer Blase, die er errichtet hat zu meinem Schutz. Alles ist leicht, luftig und durchscheinend. Ein Vakuum in dem absolute Stille herrscht.

Was passiert hier. Ist er ein Gott?

Schon stehe ich draussen, in einer anderen Welt. Sie ist ein wenig schäbig ist, ein heruntergekommener Vorort mit vielen asiatischen Streetfoodrestaurants. Geschirrgeklapper, Motorenheulen, Rufe – Strassenlärm und Gestank. Ich mache mich auf den Weg zu meiner Wohnung, die, wie ich weiss auch ein wenig heruntergekommen ist. Ich bin noch jung und kann mir kein teures Logis leisten. Das macht mir nichts aus, wenigstens bin ich wieder frei. Ich fühle mich erleichtert während ich vorbeigehe an zahlreichen Thaifoodständen und -Restaurants, die alle in einem verwitterten metallenen Rostrot gestrichen sind, das im unteren Drittel von einem gelben Streifen durchzogen ist. Vielleicht gehören sie zu einer Kette. Die Frage kann mich nicht wirklich fesseln. Ich bin noch sehr verwirrt von den vorangegangenen Geschehnissen. Der Mann ist verschwunden. Das Wasser auch, die Helligkeit ebenso. Es ist düster. Es ist Abend geworden.

Wer war er? Gütig, wissend und machtvoll? Ich öffne die Haustür meines Wohnblocks. Drinnen im Halbdunkel steht eine junge Frau. Sie hat ein Kind, eingewickelt in weisse Tücher auf dem Arm. Bin ich das? Ist das mein Kind? Vom Herrn der Meere?

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