Essen – Übergewicht und alte Muster

In unserer Familie wird Kochen und Essen zelebriert. Essen ist Ausdruck von Lebensfreude, ist sinnlich, ist Zusammensein, sich unterhalten, ist feiern, ist Freude und Genuss.

Für mein persönliches Empfinden steht gutes und wohlschmeckendes Essen in direktem Zusammenhang mit hochwertigen Produkten. Sie sind aus biologischem Anbau und werden in einem nachhaltigen Sinne produziert, mit Liebe aufgezogen, gehegt und gepflegt und auf achtsame Weise geerntet oder getötet. Und dann mit Liebe und Feingefühl geschnetzelt, geschnitten, geklopft, gezupft, geknetet, gerührt und schliesslich gebraten, gegrillt, gesotten und gebacken und zum Schluss, als Krönung, gegessen: gekostet, geschmeckt, gekaut oder auf der Zunge zergehen gelassen. Das Schlucken kommt zum Schluss und führt all diese lukullischen Genüsse in den Verdauungstrakt, damit sie aufgespalten und in unserem Körper verteilt werden, um uns die nötigen Nährstoffe und Energien zukommen zu lassen, wofür Essen ja in seiner Grundfunktion gedacht ist.

So gesehen, so geschehen ist alles wunderbar und ausgewogen. Wir haben uns etwas Gutes getan, genossen, den Körper genährt und die Seele ein wenig gestreichelt, ihr vielleicht sogar Trost gespendet.

So war wohl die Sache mit der Ernährung auch irgendwie gedacht. Sie wollte wohl kaum zur Ersatzhandlung werden, ebenso wenig zu einem lästigen Nebenbei, das man schnell erledigen sollte, einfach damit mal gegessen ist, aber auch nicht zu einer Sucht, zu einem Zuviel, das uns fettleibig und im schlimmsten Falle krank und unbeweglich werden lässt.

Lange hatte der Mensch ja eher zu wenig zu essen und das gilt auch heute noch für viele. Doch hat er (endlich!) genug, gibt es Nahrung im Überfluss, nimmt er öfters auch zu viel davon auf.

Ist da noch ein altes Gen am Werk?

Essen kann uns also auch schaden, unsere Gesundheit gefährden. Zuviel Nahrung kann der Körper nicht abbauen, der Verdauungstrakt wird überfordert. Wenn die nachhaltigen Zutaten dann auch noch durch Fast Food, Mineralwasser und Tee durch Energy Drinks und Süssgetränke ersetzt werden, kann es zusätzlich zu Mangelerscheinungen kommen – zu wenig gute Bausteine, zu viel an Fett und Zucker!

Viele Menschen reagieren süchtig auf Zucker. In vielen Lebensmitteln, auch in solchen, die wir nicht zu den Süssigkeiten zählen, ist Zucker enthalten, in Fastfood sowieso. Oft wissen wir gar nichts davon, doch die Lebensmittelindustrie weiss, wie sie ihre «Fresser» bei der Stange halten kann.

Was also schon für Normalos zum Problem werden kann und in unserer Wohlstandsgesellschaft ein wachsendes ist, wirkt sich umso fataler auf spezielle Menschen aus. Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung sind meist nicht in der Lage früh genug ihr Essverhalten zu hinterfragen und zu steuern. Menschen mit Downsyndrom, wie meine Tochter, leben sehr lustbetont und die Idee der Selbstdisziplin hat für sie wenig Überzeugungskraft.

Das Muster der Belohnung sowie die Abhängigkeit von Zucker sind für sie, die sie nicht so viele Möglichkeiten des Frustabbaus und auch nicht der persönlichen Entfaltung haben, eine noch grössere Gefahr.

Und so gehört es schon fast zum Erscheinungsbild dieser speziellen Menschengruppe, dass sie eher korpulent ist und eben auch mit den damit verbundenen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hat.

Und jetzt kann ich natürlich weiter so allgemein dahin sinnieren, darüber, was wir alle eigentlich schon wissen. Aber im einzelnen Erleben, in der täglichen Auseinandersetzung mit diesen Problemen werden wir doch alle immer wieder auf individuelle Art und Weise auf die Probe gestellt.

Ich persönlich habe schon vieles probiert, um meine Tochter auf den Weg des gesunden Essverhaltens zu bringen. Dabei habe ich mir natürlich wieder sehr viele Gedanken über Selbstbestimmung und Loslassen von eigenen Denkmustern und Erwartungen gemacht.

Meine inneren Dialoge hören sich etwa so an: «Ach sie war doch als Kind so schlank und auch so agil, hat Fussball gespielt, geturnt, ist geschwommen und mit uns gewandert. Und jetzt? Hat sie keinen Bock mehr, auf gar nichts, vor allem nicht darauf sich zu bewegen. Das kann so nicht weitergehen!»

Eine andere Seele in meiner Brust sagt dann: «Lass sie doch. Sie darf doch selber entscheiden, was sie gerne isst und ob sie sich bewegen will oder nicht. Das ist ihr persönliches Recht.»

«Hmm….. Aber sind wir Mütter, Eltern, nicht immer noch ein wenig verantwortlich, auch wenn unsere speziellen Kinder schon erwachsen sind? Leben sie denn nicht in einer geschützten Wohnform oder noch bei uns, weil sie eben nicht alles alleine entscheiden können?»

Wie sehr sollen, müssen und können wir Einfluss zu nehmen? Die Zeit des familiären Vorlebens ist vorbei, zumal ich punkto Essgewohnheiten auch nicht über jeden Zweifel erhaben bin.

Das Argument mit Jungs, die eher auf Schlanke stehen, habe ich auch schon ins Feld geführt, ist aber doch ziemlich fragwürdig und verletzend. Das entspricht nicht meinem Menschenbild!!! Und es ist nicht mit dem anderen zu vereinbaren, dass davon erzählt, dass die innere Schönheit zählt, dass das Äussere nicht über den Wert eines Menschen entscheiden soll. Dass man sich mit sich und seinem Körper anfreunden soll, sich selbst so akzeptieren soll, wie man ist. Und wer sagt, dass Dicke nicht hübsch sind?

Ein gutes ist das Wohlfühlargument. Unser Arzt führt es ins Feld: Wohlbefinden und Gesundheit sind irgendwie miteinander verbandelt und machen auch glücklich. Also so: «Je mehr Du Dich bewegst, desto wohler fühlst Du Dich und desto lieber und besser bewegst Du Dich auch. Selbst der Kopf wird wacher und es geht Dir allgemein viel besser.» 

Ob meine Tochter das versteht?

Eine weitere Strategie: Geliebte, aber schlechte Esswaren mit anderen, gesunden, die man auch noch einigermassen mag ersetzen. Sehr schwierig zu kontrollieren und auf einer Wohngruppe, wo jede/r andere Bedürfnisse hat schwierig umzusetzen. Selbstdisziplin ist ein nicht gern gehörtes Wort.

Wie man sieht, habe ich DIE LÖSUNG noch nicht gefunden und bedränge mein Kind immer wieder mit neuen genialen Ideen. Schwimm- und HipHop-Kurs, Spaziergänge mit mir und den Hunden, Biketouren. Zu vielem davon hat sie keine Lust.

Nüsse statt Chips, ein veganes Gurkengetränk statt Cola oder Red Bull, und Annanas und Mangos statt Süssigkeiten. Kaum bin ich weg, geht sie eine Tüte Chips kaufen.

So zermartere ich mir weiterhin den Kopf, wie sie ihr Gewicht runterbringen kann, denn glücklich ist sie nicht damit und wohlfühlen tut sie sich seit einiger Zeit auch nicht mehr.

Leider! Denn wer üppig gebaut und gesund ist, gerne isst und sich damit super wohl fühlt in seiner Haut, soll unbedingt dabei bleiben! Doch das Unglücklichsein über sein Gewicht mit einem Hamburger zu bezwingen, bringt noch mehr Unwohlsein und ist auch nicht wirklich logisch.

Logisch? Wer verhält sich immer logisch, vor allem bei Fragen der Lust und Sinnlichkeit, wozu Essen definitiv gehört?

Ich finde gerade keine schlüssige Antwort und mach’ jetzt mal eine Pause und esse ein Sandwich aus selbstgebackenem Dinkelbrot und Trockenfleisch vom Biobauern. Hungrig bin ich eigentlich nicht. Kauend winke ich dem altbekannten Muster zu. Bio macht es auch nicht besser. Nachher werde ich es vielleicht bereuen.

 

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