Mehr Genuss, weniger Stress – ein Dilemma

Heute morgen früh war ich im Hallenbad. Ich schwimme neuerdings ein- bis zweimal wöchentlich eine halbe Stunde. Das soll gut für meine Gelenke sein und ich muss zugeben, dass ich es unterdessen auch geniesse. Als Kind war ich eine totale Wasserratte. Passierten wir eine Pfütze, wollte ich reinspringen, baden, tauchen, spielen. Aber nicht Längen auf Zeit schwimmen! Damit hat mir die Schule die Freude am Schwimmen für ein halbes Leben verdorben. Ich hatte dann immer eine Augenentzündung oder meine Tage, wenn wir mit der Schule ins Hallen- oder Freibad gingen.

Aber nie ist etwas für immer – ich realisiere gerade, dass dies zu meinem Leitspruch werden könnte.

So hat sich auch hier meine Vorliebe gewandelt. Selbst das Hallenbad, das ich mit den Kindern oft mit einigem Widerwillen betreten habe, ist nun schon fast ein meditativer Ort für mich geworden. Ich liebe es meine Längen zu ziehen und an die feuchte Holzdecke zu starren und wie immer so einiges zu denken, während sich meine Gehörgänge mit Wasser füllen. Ab und zu krieg ich einen Kraulschlag ab, weil die einzelnen Bahnen des Schwimmbeckens morgens ziemlich dicht beschwommen sind, doch ich schlängle mich durch, auch wenn ich es mit der Geschwindigkeit und Eleganz der meisten nicht aufnehmen kann.

So ändern sich Vorlieben. Irgendwann dachte ich: Ist doch schön im Wasser zu sein und sich nicht mehr so schwer und ungelenk zu fühlen. Und das sogar schon früh am Morgen – um Sieben! – eigentlich viel zu früh für mich! Doch nachher bin ich frisch, frisch geduscht, Haare gewaschen, Glieder bewegt und Gedanken durchgespült – der Tag kann beginnen.

Heute allerdings ist ein Hallenbadtag in den Ferien. Um Sieben waren die Türen noch geschlossen und ich musste um Neun nochmals antraben. Dafür ist heute bis zehn Uhr abends offen. Schon am Morgen hat es Mütter mit Kindern. Als ich mich ankleide betritt eine Mutter mit zwei kleinen Kindern die Garderobe. Sie sind aufgeweckt und fröhlich, ein wenig übermütig, freuen sie sich wohl auf den bevorstehenden Badespass. Die Mutter weniger. Sie wirkt angespannt und ein wenig genervt. Gerade läuft ihre Kleine in ihren Badewindeln Richtung Duschen und der ein wenig ältere Junge kichert weiter fröhlich vor sich hin und rennt ungeniert nackt herum, in der einen Hand sein Badeshorts schwingend. Bekannte Szenen für mich und eine andere Dame, die noch etwa fünfzehn Jahre älter zu sein scheint als ich. Oder überschätze ich mich wieder total? Egal, wir lächeln uns verständnisvoll zu und dann lächeln wir die arme junge Frau an und sagen ihr, dass sie es geniessen soll, weil es ist so schnell vorbei und dann werde sie es bedauern. Ja, genau so. Also eigentlich nicht ich, sondern die Andere, aber ich hab sie dabei unterstützt. Die junge Mutter hat nur etwas gemurmelt von „gar keine Zeit für mich in den Schulferien“ und natürlich hatten wir zwei Älteren auch dafür wahnsinnig viel Verständnis, nickten ihr aufmunternd zu, denn wir wissen ja wie es ist. „Aber trotzdem sollte man es mehr geniessen!“ Wir können es uns nicht verkneifen es nochmals zu wiederholen, obwohl…… Kann man? Nein, natürlich nicht. Die junge Frau schaut uns mit starrer Miene an und ich schaue verständnisvoll zurück. Die „ältere“ Dame meint: „Aber die Kinder sind so fröhlich, das ist doch schön.“ Währenddem versucht Mutter die Kinder, die in verschiedene Richtungen ausströmen irgendwie aufzuhalten und gleichzeitig ihre Siebensachen in den schmalen Garderobenschrank zu stopfen – alles möglichst schnell natürlich. Ich fühle mich jetzt auch schon ein wenig schuldbewusst. Vielleicht sollten wir ihr besser helfen, als diese nichtsnutzigen Weisheiten zum Besten zu geben. Aber vielleicht will sie sich ja nicht helfen lassen. Sie wirkt eher ein wenig abweisend. 

Wir zwei Alten verlassen mit wissenden Gesichtern die Garderobe Richtung Ausgang. Die Andere sagt: „Ich habe gerade zwei Wochen meine Enkelin gehütet und bin fix und fertig.“ Ich: “Ich bin froh, muss ich noch nicht. Jeden Tag würde ich es nicht mehr aushalten,“ und erzähle noch von meinen Zwillingen und dem Grossen und wie sie jeweils im Hallenbad in alle Richtungen auseinanderstoben und ich hinterher hastete, was ja eigentlich gar nicht geht. Geniessen lag ausser Reichweite.

Mit der beruhigenden Gewissheit, dass das hinter uns liegt, es aber in der Erinnerung auch schön war und wir es manchmal auch vermissen, fahren wir nach Hause.

Es ist so: man sollte es geniessen, denn es geht wirklich schnell vorbei, allzuschnell und während man drinsteckt, wünscht man sich auch noch oft, es sei schon soweit, was man natürlich im Nachhinein oft bedauert. Es ist ein Dilemma. Eines der unzähligen, mit denen wir uns herumschlagen. Darin sind wir Mütter uns alle einig.

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